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 31.03.2005
  17:20 Uhr
Weniger ist mehr
Wie Krankenkassen zugleich billiger und teuerer werden
Womöglich werden einige Krankenversicherungen bald die Beiträge senken. Die Verbraucher werden freilich nichts davon haben.
Von Andreas Hoffmann
   
Viel los in diesen Tagen. Feinstaub, Visa-Affäre, Job-Gipfel, Rot-Grün-Krise, Kirgisien, Kieler Koalitionswirren. Die guten Nachrichten sind wie immer eher selten. Und doch gibt es positive Anzeichen, jedenfalls wenn man der Bild-Zeitung Glauben schenken will. Am Donnerstag erfreute sie ihre Leser damit, dass die Krankenkassen endlich ihre Beiträge senken. Zum Juli reduzieren die Innungskrankenkassen Rheinland-Pfalz und Thüringen ihre Sätze um je 1,2 Prozentpunkte, auch die BKK Mobil Oil geht einen Punkt runter. Bereits im April verringert die Advita BKK ihren Beitragssatz um 0,6 und die BKK MTU um 0,2 Prozentpunkte.Weitere Kassenchefs denken daran, die Beiträge zu senken. Beginnt die Gesundheitsreform zu wirken, wie Ulla Schmidt seit langem verkündet? Geben die Kassen dem Drängen des Kanzlers nach und entlasten die Bürger? Schön wär’s! Die Wirklichkeit sieht anders aus. So sind die Pläne der Innungskrankenkassen lange bekannt.Ursprünglich kleine Pauschale geplantDie IKK Thüringen kündigte ihr Vorhaben bereits am 10. Dezember an, die IKK Rheinland-Pfalz vor mehr als fünf Wochen, und auch die Nachricht der BKK Mobil Oil ist neun Tage alt. Bei Boulevardmedien wird angesichts solcher Hinweise gern der Spruch zitiert: „Alter schützt vor Abdruck nicht.“ Doch abgesehen vom fehlenden Neuigkeitswert nützen die Senkungen dem Verbraucher wenig. Am Ende zahlt er für seine Versicherung zumeist mehr.Dieser Widerspruch löst sich auf, blickt man auf die Feinheiten der Gesundheitsreform. In den Konsensgesprächen im Sommer 2003 vereinbarten SPD, Grüne und Union, einige Leistungen umzufinanzieren. Dabei geht es um Zahnersatz und Krankengeld. Die Versicherungskosten trägt künftig nur der Arbeitnehmer, nicht mehr der Arbeitgeber. Die Abgabenlast der Firmen sollte schrumpfen.Ursprünglich sollten die Bürger monatlich einen Extrabeitrag für das Krankengeld sowie eine Zahnersatz-Pauschale zahlen; im Gespräch waren sechs, sieben Euro. Damit wollte die Union das Kassensystem ein wenig privatisieren, bald zeigte sich aber, dass das System nur bürokratischer werden würde. Nun gilt: Von Juli an zahlen die Bürger – neben dem Kassenbeitrag – einen Sonderobolus von 0,9 Prozentpunkten ihres Bruttolohns.Senkt also eine Kasse den Beitrag, zahlt der Bürger dennoch mehr, wie eine Beispielrechnung zeigt. Angenommen irgendeine AOK reduziert im Juli den Satz von 14 Prozent um 0,9 Prozentpunkte auf 13,1 Prozent. Davon trägt der Arbeitnehmer zunächst die Hälfte, also 6,55 Prozentpunkte. Hinzu kommen 0,9 Prozent Sonderbeitrag, womit der Arbeitnehmeranteil auf 7,45 Prozent steigt. Unter dem Strich zahlt der Bürger durch die „Senkung“ 0,45 Prozentpunkte mehr als vorher. Bei einem Bruttoeinkommen von 3000 Euro sind das monatlich 13,50 Euro zusätzlich.Tatsächlich entlastet wird der Verbraucher nur, wenn am Ende der Effekt des Sonderbeitrags aufgefangen wird. Praktisch müsste eine Kasse im Laufe des Jahres ihre Beiträge um mehr als 1,8 Prozentpunkte reduzieren, hat der Bundesverband der Betriebskrankenkassen ausgerechnet. Dies werden aber nur sehr wenige der 280 Kassen können. Millionen Deutsche werden also bald für ihre Krankenversicherung tiefer in die Tasche greifen müssen – den Arbeitgebern zuliebe.(SZ vom 01.04.2005)
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