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Krankheitsmodell

From Sterwiki

Im gesellschaftlichen Diskurs lassen sich eine Vielzahl von theoretischen Schulen, Erklarungsmustern, Legitimationsstrategien und Bewertungen von Krankheit ausmachen, die analytisch verschiedenen Modellen der Erklarung von Krankheit zugeordnen werden konnen. (Krankheitsmodell 1-6: vgl. Heiko Waller, Sozialmedizin) Diese Modelle konnen danach untersucht werden, welchen gesellschaftlichen Interessen sie dienen, welche historischen Implikationen sie enthalten, welche Folgen sie fur das betroffene Individuum haben und wie weit sie von den herrschenden Institutionen und Strukturen gestutzt werden. Weiterhin kann die Analyse der Krankheitsbegriffe und ihrer Implikationen zur Klarung von Argumenten in der Diskussion zwischen Vertretern der Schulmedizin und Alternativmedizin beitragen.

Table of contents
1 Das Medizinische Krankheitsmodell
2 Das psychosomatisches Erklarungsmodell von Krankheit
3 Das Stress-Coping-Krankheitsmodell
4 Das Risikofaktoren-Modell der Erkrankung
5 Soziookonomisches Krankheitsmodell
6 Das Devianz-Modell von Krankheit
7 Das multifaktorielle Erklarungsmodell von Krankheit
8 Das Modell systemischer Selbstregulation
9 Das teleologische Modell von Erkrankung
10 Literatur

Das Medizinische Krankheitsmodell

Das medizinische Modell stellt derzeit das beherrschende Erklarungsmuster von Krankheit dar. Historisch entwickelte es sich seit dem Ausgang des Mittelalters und dem Erscheinen des Arztestandes und dem Aufkommen der wissenschaftlichen Ausbildung der Arzte. Krankheit geriet immer mehr in den Zustandigkeitsbereich des Arztes und wurde immer weniger als eine Angelegenheit der Kirche oder Seelsorge, der Familie und des Individuums betrachtet. Mit den Erfolgen der wissenschaftlich begrundeten Medizin bei der Bekampfung der Infektionskrankheiten im 19.Jhd. setzte sich das medizinische Krankheitsmodell bis zum letzten Viertel des 20. Jhds. in den westlichen Industrienationen fast konkurrenzlos durch.

Das medizinische Erklarungsmodell basiert auf der Annahme einer bestimmten und erkennbaren Ursache fur jeder Erkrankung. Die Ursache fuhrt zu einer Schadigung von Zellen oder Gewebe oder zu einer Disregulation von mechanischen oder biochemischen Prozessen. Aufgrund der ausseren Anzeichen einer Krankheit(Symptome) konnen wissenschaftlich ausgebildete Arzte eine Diagnose erstellen und eine Therapieempfehlung aussprechen. Die Krankheitsverlaufe sind beschreibbar und vorhersagbar und verschlimmern sich ohne medizinische Intervention. Die Therapien basieren vornehmlich auf Massnamen der mechanischen Korrektur, strahlentechnischer Intervention, biochemischer Bekampfung von Erregern, der Substitution von korpereigenen Stoffen und der Beeinflussung des Stoffwechselgeschehens durch Zufuhrung von bestimmten Substanzen.

Das Erklarungsmodell basiert somit auf der Annahme eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs auf der korperlichen Ebene. Die Ursache wird zunachst, abgeleitet aus der Erforschung der Infektionskrankheiten, als ein Eindringen oder Einwirken einer ausseren Ursache (Mikroorganismus, Verletzung) verstanden. Spater wurde im Zuge der Erforschung von Stoffwechselerkrankungen auch Fehlfunktionen interner Steuerungsmechanismen als Erkrankungsursache angesehen.

Mit der zunehmenden Verbreitung sog. Zivilisationskrankheiten sowie chronischer Erkrankungen in den Industrienationen gegen Ende des 20 Jhds. regte sich immer mehr Kritik an diesem Erklarungsmodell von Krankheit. Vertreter der 'Alternativmedizin' kampften um eine Erweiterung der Sicht von Krankheit und um ein serioses Image alternativer Heilweisen. Anderen schien besonders die Verknupfung der 'Schulmedizin' mit der Pharma- und medizinischen Gerateindustrie und ihr staatlich sanktionierter Alleinvertretungsanspruch verdachtig. Die Schulmedizin integrierte ihrerseits im Zuge der sich entwickelnden medizinischen Forschung und angesichts des vermehrten Auftretens chronischer und altersbedingter Krankheitsbilder zusatzliche Erklarungsansatze in das medizinische Modell. In den Grundannahmen aber blieb es als herrschendes Paradigma erhalten.

In der Diskussion um das medizinische Krankheitsmodell werden folgende Kritikpunkte formuliert:

  • Das medizinische Krankheitsmodell ist in der Sichtweise beschrankt und berucksichtigt nur einen Teil der Krankheitsursachen. Problematisch ist dabei das Ubertragen des beschrankten Ursache-Wirkungs-Schemas auf funktionelle und psychische Storungen, sowie die gegenwartigen chronischen Zivilisationskrankheiten (Arthrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs usw.), die nur teilweise erklart und behandelt werden konnen. Ebenso bleiben psychosoziale Einflussfaktoren auf den Verlauf von Krankheiten, auf Gesundung und Rehabilitation ausser Betracht.
  • Das medizinische Krankheitsmodell ist ineffektiv in der Heilung von Erkrankungen. Zur Begrundung werden statistisch signifikante Zusammenhange zwischen der allgemeinen Gesundheitsverbesserung im letzten Jahrhundert und den Verbesserungen in der Ernahrung, den Umwelt- und Lebensbedingungen sowie im individuellen Gesundheitsverhalten angefuhrt.
  • Die Moglichkeiten der Pravention bleiben ausserhalb des Blickfeldes. Medizinische Intervention wird erst dann als notwendig erachtet, wenn eine Erkrankung bereits manifest geworden ist.
  • Das medizinische Modell der Krankheit festigt die Dominanz der Arzte im Gesundheitswesen. Andere Gesundheitsberufe sind weisungsabhangig oder werden verdrangt.
  • Das medizinische Krankheitsmodell fuhrt zur Medikalisierung sozialer und gesellschaftlicher Probleme.
  • Die Vorherrschaft des medizinischen Krankheitsmodells fuhrt zur Ausblendung und Inkaufnahme vielfaltiger Nebenwirkungen von medizinischen Massnahmen.
  • Die medizinische Krankheitssicht fuhrt zu Verdeckung und Stutzung der Allianz zwischen Arzten, Krankenkassen, Staat und der Pharma- und gerateproduzierende Industrie, die Gewinnmaximierung und nicht Heilung als Systemziel anstreben.
  • Die durch dieses Modell, seine Institutionalisierung und Legitimierung geschaffenen Verhaltnisse fuhren zu einer unbeherrschbaren Kostenexplosion im Gesundheitswesen, die zu Lasten der Betroffenen geht.

Das psychosomatisches Erklarungsmodell von Krankheit

Es existiert eine Vielzahl psychosomatischer Schulen, die seelische Konflikte als Ursachen fur korperliche Erkrankungen des Menschen ansehen. Unterschiedliche sind die Konzepte in der Frage, wie sich psychische Faktoren in organische Beschwerden umsetzen (Konversion). Obwohl die Psychosomatik sich vorrangig mit den sog. psychosomatischen Krankheiten (z.B. Ulcus Duodeni, bestimmte Hauterkrankungen, Bluthochdruck, Asthma, usw.) befasst, so besteht doch der Anspruch, diesen Erklarungsansatz auf alle Erkrankungen anwenden zu konnen.Zunehmend werden psychosomatische begrundete Therapien auch im Rahmen der Onkologie- Nachsorge angewendet. Als Ursachen fur psychosomatische Erkrankungen kommen vor allem unbewaltigte Konflikte, Kindheitstraumata und aktuelle Belastungen durch bedrohliche und existenzielle Erfahrungen in Frage. Die Therapienformen umfassen die gesamte Bandbreite der psychotherapeutisch begrundeten Interventionen.

Kritik des psychosomatischen Krankheitsmodells: Die psychosmatischen Erklarung von Krankheit beruht wie das medizinische Krankheitsmodell auf der Annahme einer Ursache-Wirkungsbeziehung. Hier wird die aussere Einwirkung oder physische Fehlregulation durch psychische Variable wie einen psychischen Konflikt oder ein unbewaltigtes Trauma ersetzt. So bleibt das Modell uberwiegend individualistisch orientiert und lasst soziale Zusammenhange ausser acht. Es besteht die Gefahr einer Uberbewertung der psychischen Einflussfaktoren. Hinsichtlich der Effizienz ist zu bemerken, dass die meisten Therapieformen sehr aufwandig und zeitintensiv sind und auch sprachliche eine deutliche Mittelschichtorientierung aufweisen. Damit wird die Gruppe der gering Verdienenden und durch ihre Lebenslage besonders Belasteten nicht erreicht.

Das Stress-Coping-Krankheitsmodell

Dieses Modell ist eine Weiterentwicklung des psychosomatischen Modells und ist zwischen den psychosomatischen und den soziologischen Krankheitsmodellen angesiedelt. Der organisch Krankheitsverlauf wird mit sozialen und umweltbezogenen Faktoren in Beziehung gesetzt. Als Krankheitsursache kommen soziale, psychische und umweltbedingte Stressoren ins Blickfeld. Zu diesen zahlen z.B. schichtspezifische Benachteiligungen, langandauernde Belastungen und Konflikte sowie akute Belastungen, sog. life events.

Allerdings spielen die Moglichkeiten des Einzelnen, mit den Belastungen umzugehen (Stress-Coping), eine Rolle fur die Auspragung des somatischen Geschehens. Die Bewaltigungsmoglichkeiten bestimmen Vermeidung, Entstehungszeitpunkt, Verlauf und Heilungschancen von Erkrankungen mit. Bewaltigungsmechanismen konnen sowohl personlicher wie kollektiver Natur sein.

  • individuelle Copingmechanismen: individuelle Fahigkeiten und Strategien der Problemlosung; umgekehrt konnen ungeeignete Bewaltigungsstrategien krankheitsverursachend sein (z.B. Alkoholmissbrauch).
  • Kollektive Copingmechanismen: ausreichende Unterstutzung in positiven primaren (Ehepartner, Familie, enge Freundschaften) und sekundaren (Arbeitskollegen, Nachbarschaft, Vereinsmitglieder usw.) sozialen Beziehungen. Durch diese sozialen Bindungen konnen Stressoren neutralisiert und die Gesundheit erhalten werden, bzw. wird positiv auf die Gesundung eingewirkt (siehe auch soziales Netzwerk, soziale Integration, Sozialkapital).

Die Hilfeleistungen mobilisieren die Bewaltigungsressourcen des Betroffenen und unterstutzen ihn bei der Bearbeitung der anstehenden Konflikte. Sie konnen daruber hinaus praktische Unterstutzung im Alltag, finanzielle Zuwendungen und Orientierungshilfen beinhalten. Die Therapieformen orientieren sich an denen des medizinischen und psychosomatischen Modells.

Kritik des Stress-Coping-Krankheitsmodells: Die Bedeutung von Stressfaktoren zumindest fur die Auslosung von Erkrankungen setzt sich auch in der Schulmedizin mehr durch. Dennoch werden folgende Schwachpunkte bemangelt:

  • Personliche und soziale Belastungen werden nur relevant, wenn sie subjektiv als Stress erlebt werden. Korperliche Umwelteinwirkungen z.B.durch Larm, Schadstoffe usw. werden nicht erfasst.
  • im Forschungslabor gewonnene Testergebnisse zum Einfluss von Stressoren sind nicht ohne weiteres auf Lebenssituationen ubertragbar.
  • Der physiologische Zusammenhang zwischen sozialer Situation - Stress - Krankheit ist nicht eindeutig nachweisbar.
  • Es werden keine Konsequenzen in Bezug auf die Unterstutzung der Stutzsysteme gezogen. Diese Interventionen uberschreiten den Bereich der medizinischen Massnahmen und gehoren zu anderen gesellschaftlichen Handlungsbereichen. Ein Erkenntnistransfer findet kaum statt. (siehe auch multifaktorielles Modell)

Das Risikofaktoren-Modell der Erkrankung

Das Risikofaktoren Modell entwickelte sich in Reaktion auf den Vormarsch der sog. Zivilisationskrankheiten. Die medizinischen Forschungen ergaben einen wesentlichen Zusammenhang zwischen vermehrt auftretenden Erkrankungen wie Herzinfarkt, bestimmten Krebsarten, wie z.B. Lungenkarzinom u.a. und bestimmten Vorerkrankungen und einer zivilisationstypischen Lebensweise.

Als Risikofaktoren wurden vor allem Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Ubergewicht, aber auch vermehrter Stress identifiziert. Die gesellschaftlich bedingte Dimension von Krankheit tritt in diesem Modell deutlicher hervor, wahrend das Individuum, das sich gesellschaftskonform verhalt, zum Risikotrager wird.

Die Erkenntnisse uber Gesundheitsrisiken durch eine ungesunde Lebensweise wurden in den letzten Jahren vor allem in der Rehabilitation nach speziellen Erkrankungen berucksichtigt und fanden auch, z.T. in sehr verkurzter Darstellung, in den Medien starke Beachtung. Auf diese Weise wurden sie in wenigen Jahren zum Teil des Allgemeinwissens und gaben einer neuen 'Bewegungskultur' (Jogging, Walking, Volkslaufe, aber auch andere Sportarten) Auftrieb. Insofern tragen diese Erkenntnisse dazu bei, Lebensgewohnheiten zu verandern.

Kritik des Risikofaktoren - Modells:

  • Der Zusammenhang zwischen einer bestimmten Lebensweise und einer Erkrankung ist ein statistischer und bezieht sich daher auf Gruppen und ist nicht gultig fur das einzelne Individuum. Daher eignet er sich auch nicht fur Prognosen im Einzelfall, sondern kann auf der Ebene des Individuums nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren. Das Modell erklart letztendlich nicht das Auftreten oder Ausbleiben von Krankheiten beim einzelnen Menschen.
  • Das Modell ist wegen dieser Differenz auch nur bedingt geeignet, 'Risikotrager' z.B. zu hoheren Zahlungen von Beitragen der Krankheitskrankenversicherungen heranzuziehen, auch wenn dies immer mal wieder im Gesprach ist.
  • Die kontinuierliche Aufklarung uber gesundheitliche Risiken in den letzten Jahren hat zwar zu einem allgemein Anstieg des Gesundheitsbewusstseins gefuhrt, das sich aber nur teilweise in einem veranderten Gesundheitsverhalten niederschlagt. Hier mag die Kluft zwischen allgemeinem Risiko und individueller Betroffenheit eine Rolle spielen ('mich trifft es nicht'), oder auch bestehende Vorbilder, die uber die Medien transportiert werden (z.B. Rauchen in Filmen)oder weitere Einflusse wie Suchtverhalten, Arbeitslosigkeit, Gefuhle der Sinnlosigkeit usw. Eine Analyse von Risikoverhalten hat es mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun, die das Risikofaktorenmodell nicht berucksichtigt.
  • Auf der anderen Seite werden im Rahmen des Modells auch die moglichen Bewaltigungsstrategien nicht berucksichtigt, der Mensch erscheint als ein nur reagierendes Objekt. (Wie z.B. ware ein regelmassig joggender Raucher zu bewerten oder ein Mitarbeiter in einem typischen Stressberuf mit sitzender Lebensweise, aber einer sehr intakten Familie oder einem funktionierenden Freundeskreis?)
  • Nimmt man alle bekannten Risikofaktoren zusammen, so musste auf langere Sicht ein sehr grosser Teil der Bevolkerung als Risikogruppe unter Dauerprophylaxe gestellt werden.

Soziookonomisches Krankheitsmodell

Das soziookonomische Krankheitsmodell thematisiert Krankheit im Zusammenhang von gesellschaftlichen Machtverhaltnissen, schicht-, bzw. in traditionell marxistischer Sicht, klassenspezifischen Erkrankungsrisken durch die Stellung im Produktionsprozess und der sozialen Ungleichheit im Zugang zu Genesungschancen durch materielle und sprachliche Benachteiligung. In extremer Auspragung wird Krankheit ausschliesslich als Ausdruck und Folge gesellschaftlicher Verhaltnisse betrachtet.

Das Modell beruflicher Gratifikationskrisen ist eine neuere Variante der soziookonomischen Sichtweise auf Erkrankung wird von Johannes Siegrist postuliert. Danach erkrankt der Patient dann, wenn seine beruflichen Anforderungen nicht mit der Gratifikation also der Belohnung ubereinstimmen. So zeigen sich bei Menschen, die beruflich unter Druck stehen und dennoch Gefahr laufen ihren Job zu verlieren (Bsp.: Arbeiter in finanziell gefahrdeten Firmen) haufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, als bei solchen, die zwar gleichen Stress haben aber einen sicheren und gut entlohnten Beruf.

Kritik des soziookomomischen Krankheitsmodells:

Eine Theorie, die sich ausschliesslich mit dem Zusammenhang von Krankheit und gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen befasst, enthalt keine Aussagen uber den eigentlichen Erkrankungsprozess und seine vielfaltigen Ursachen und Aspekte. Sie kann lediglich als Erganzung und Erweiterung zu anderen Modellen dienen, und Erkenntnisse uber existenzielle und gesellschaftliche Faktoren der Entstehung von Krankheit, typischer Krankheitsverlaufe und von Beeintrachtigungen im Prozess der Heilung und Rehabilitation liefern.

Das Devianz-Modell von Krankheit

Innerhalb dieses Krankheitsmodells lasst sich ein strukturfunktionalistischer Ansatz und ein Stigmatisierungs- oder Labeling- Ansatz unterscheiden.

1.Unter der Perspektive des Strukturfunktionalismus gerat besonders die gesellschaftliche Kontrollfunktion der Medizin in den Blick. Von Talcott Parsons (1951) stammt das Konzept der Krankenrolle, in der vier Aspekte dieser Rolle beschrieben werden, die in direktem Verhaltnis mit dieser Kontrollfunktion stehen: (1) Der Patient wird von seinen normalen Rollenverpflichtungen befreit, (besonders die Verpflichtung, zur Arbeit zu erscheinen, aber auch das 'Funktionieren' im privaten Bereich) (2) Er wird fur seine Krankheit nicht verantwortlich gemacht, sein abweichendes Verhalten wird legitimiert (eine Krankschreibung wird fraglos akzeptiert, eine Frage nach dem Verursacher, einem 'Schuldigen' wird nicht gestellt). (3) Der Patient hat die Verpflichtung alles zu tun, um gesund zu werden - und seine Funktionsfahigkeit wieder herzustellen. (4) Der Patient ist dazu verpflichtet, fachkundige Hilfe aufzusuchen (dieser Verpflichtung wird schon dadurch Nachdruck verliehen, als dass der Besuch beim Arzt fur eine Krankschreibung unumganglich ist.).

Der Arzt ubt so einerseits mit Entscheidung uber Arbeitsfahigkeit und Arbeitsunfahigkeit eine gesellschaftliche und fur das Funktionieren des Wirtschaftssystems unerlassliche Kontrollfunktion aus, ist seinerseits auf der anderen Seite aber verpflichtet, dieses abweichende Verhalten moglichst schnell in konformes Verhalten zu verandern.

In der Kritik des Konzeptes der Krankenrolle ist angefuhrt worden, dass zunehmend eine Verantwortlichkeit des Kranken fur sein 'abweichendes' Krankenverhalten unterstellt wird (falsche Lebensweise, unvernunftiges Verhalten usw.) und seine Entbindung von den Rollenverpflichtungen nicht mehr ohne weiteres legitimiert ist. Bei hoher Arbeitslosigkeit und Gefahrdung von Arbeitsplatzen sinkt die Krankenrate, was nicht nur heisst, dass uberflussiges Fehlen abgebaut wird, sondern was auch einen wachsenden Druck anzeigt, trotz Erkrankung die Berufstatigkeit fortsetzen und die akuten Symptome, soweit es moglich ist, mit Medikamenten, Schmerzmitteln usw. zu unterdrucken.

2. Das zweite Konzept, das auf der Analyse abweichenden Verhaltens beruht, ist der in den 60er Jahren entwickelte Labeling- oder Etikettierungsansatz. Er wurde besonders im Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen diskutiert. Krankheit erscheint hier ebenfalls unter dem Gesichtspunkt der sozialen Definition. Der Erkrankte erhalt durch eine Diagnose ein Etikett, ein label aufgepragt, dass sein weiteres Rollenverhalten als Kranker entscheidend beeinflusst. Besonders bei negativ bewerteten Erkrankungen wie psychische Storungen, Epilepsie, Aids, aber auch Krebs wird dieses Etikett ('dem Tode geweiht' oder 'gefahrlich', 'ansteckend' usw.) zum Stigma, das eine soziale Ausgrenzung des Kranken bewirkt und seine Verhaltensmoglichkeiten einschrankt.

Erving Goffman untersuchte 1961 die Wirkung langerer Aufenthalte in psychiatrische Einrichtungen auf Identitat und Verhalten von Betroffenen und zeigte im Details auf, wie die Routinen des Organisationsablaufes in diesen Einrichtungen dem Patienten seine Privatsphare nehmen und ihn mit fortschreitender Zeit immer unselbstandiger und hilfloser werden lassen. Die Konzepte der Gemeindepsychiatrie und der integrativen Behindertenarbeit versuchen diese Erkenntnisse zu berucksichtigen, indem Aussonderung und langere Aufenthalte in geschlossenen Einrichtungen so weit wie moglich vermieden und durch ambulante und in das Leben der 'normalen' Menschen integrierte Therapie- und Hilfsangebote ersetzt werden sollen.

An dem Ettikettierungsansatz wird im Hinblich auf psychische Storungen kritisiert, dass er nur eine soziale Dimension berucksichtigt und dabei ubersieht, dass psychiatrische Patienten aufgrund ihrer Erkrankung und dem damit verbundenen Verhalten als psychisch Kranke angesehen und behandelt werden und nicht aufgrund irgendeiner sozialen Zuschreibung.

Das multifaktorielle Erklarungsmodell von Krankheit

In den letzten Jahren hat sich als Ergebnis der fachlichen und offentlichen Diskussion ein Trend herausgebildet, in dem die verschiedenen Ansatze in der Krankheitsdefinition und -beschreibung miteinander kombiniert werden. Es ist in der Zusammenschau hinreichend klar geworden, dass ein einfaches Verstandnis von Krankheit nicht ausreicht, um Ursachen, Verlaufe und Heilungsbedingungen zu klaren. So wurden besonders auch die Erkenntnisse der Stress-Coping-Forschung und des Riskofaktoren-Modells, aber auch Teile des psychosomatischen Krankheitsmodells in das medizinische Modell integriert und so etwas wie ein multifaktorielles Krankheitsmodell generiert.

Die Grundgedanken dieses multifaktoriellen Krankheitsmodells lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Es gibt genetisch vorgegebene und umweltbezogene Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich ein Krankheitsgeschehen manifestiert. Hier spielen sowohl korperliche Beeintrachtigungen am Arbeitsplatz z.B. durch Schadstoffbelastungen, wie durch ungesunde Wohnverhaltnisse beispielsweise mit starker Larmbelastigung, oder sonst ein Kontakt mit gesundheitsgefahrdenden Stoffen eine Rolle. Soweit es sich nicht um Unfalle oder solchen direkten ausseren Einwirkungen handelt ist ein komplexes Geschehen am Ausbruch einer Krankheit beteiligt.
  • Als Ausloser von Erkrankungen mussen innerhalb dieses Rahmens psychosomatische Faktoren, stressbedingte Belastungen, Riskoverhalten und Belastungsreaktionen durch aktuelle Ereignisse durch life events in Betracht gezogen werden.
  • Selbst beim Vorliegen der genannten Belastungen ist eine Manifestation der Erkrankung noch nicht unausweichlich. Individuelle und kollektive Coping-Strategien konnen die Krankheitsreaktion noch immer verhindern oder abschwachen.
  • Das manifeste Krankheitsgeschehen steht schliesslich am Ende eines komplexen Prozesses, in dem indivuelle Belastungen und Ressourcen, gesellschaftliche Bedingungen, kollektive Bewaltigungsmuster und aktuelle Ereignisse zusammen wirken.

Ausgehend von den Annahmen eines multifaktorielle Krankheitsmodells ist es notwendig, in jedem Fall die besonderen Bedingungen zur Auslosung einer Erkrankung zu rekonstruieren, um die bestmoglichen Heilungschancen zu realisieren. So wird es nicht viel nutzen, wenn zur Linderung von Krankheitssymptomen bestimmte Medikamente zu Einsatz kommen, das soziale Umfeld oder die belastende familiare Situation des Patienten ausser Acht bleibt, die evt. einen bedeutenden Anteil am Ausbruch der Erkrankung hatte. Ebenso kommt die Notwendigkeit einer gezielten Gesundheitspravention und -vorsorge bei bekannten Belastungsfaktoren in das Blickfeld. Durch Erweiterung und Veranderung der Leistungen im Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahren versucht, z.B. durch die systematische Ausweitung von Vorsorgeuntersuchungen auf diese Einsichten zu reagieren.

Kritik des multifaktoriellen Krankheitsmodells: In der Diskussion werden naturlich auch die Grenzen dieses Modells deutlich:

  • Obwohl in diesem Modell wesentliche Elemente eines ganzheitlichen Sicht von Krankheit zusammengefasst sind, so geschieht dies doch im Wesentlichen additiv und die 'medizinische' Weltsicht bleibt das beherrschende Paradigma. Eine ganzheitliche Herangehensweise ist mehr als nur die Summe verschiedener Aspekte.
  • Die Addition der Faktoren ergibt eine im Rahmen des bestehenden Gesundheitssystem nicht zu finanzierende Liste an moglichen Leistungen. Die Ausweitung der Leistungen fuhrt bereits jetzt an die Grenzen des Finanzierbaren.
  • Die Vielzahl von Faktoren ist in keiner entwickelten einheitlichen Diagnostik berucksichtigt. Jeder behandeltende Arzt erfasst aufgrund seiner eigenen Perspektive, die sich aus seiner Ausbildung und personlichen Sichtweise ergibt, einen Teil der Faktoren und vernachlassigt andere Gesichtspunkte.
  • Die angesprochenen gesellschaftlichen Teilbereiche, in denen gesundheitsgefahrdende Faktoren auftreten konnen, sind nicht in einer Weise vernetzt, dass eine abgestimmte Handlungsstrategie entwickelt werden konnte. Vielmehr gehorchen die Teilsysteme (Arbeitsmarkt, Bildung, Sozialsystem, Wirtschaft usw.) eigenen Gesetzmassigkeiten und sperren sich gegen eine Querschnittsplanung.
  • Eine umfassende Handlungsstrategie liesse sich konsequent nur auf der individuellen Ebene entwerfen. Hierzu ware eine Fallsteuerung vonnoten, die in einer Hand lage, der Patient wird zum Gegenstand von Casemanagement wie man es bereits in Teilbereichen der Rehabilitation und beruflichen Wiedereingliederung umzusetzen versucht. Auch der Vorschlag, den Hausarzten wieder eine grossere Entscheidungs- und Steuerungsbefugnis zu geben, geht in diese Richtung. Umfassendes querschnittsbezogenes Fallmanagement ist ein sehr aufwendiges Verfahren und stosst sehr schnell an die Grenzen der (Teil-)Systemlogiken und der eingeschrankten Finanzierungsmoglichkeiten.

Das Modell systemischer Selbstregulation

Grundannahmen des Modells:

  1. Der Krankheitsbegriff nach diesem Modell setzt eine systemische Sichtweise voraus. Der menschliche Organismus hat, wie andere hohere Organismen in der Natur, im Laufe der Evolution eine komplexes System der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Funktionsfahigkeit des Korpers und zu diesem Zwecke des Stoff- und Informationsaustausches mit seiner Umwelt entwickelt. Das System strebt wie jedes System nach Selbsterhaltung und Selbstforderung und interagiert dazu mit den gegebenen Umwelten. Der menschliche Organismus ist als Evolutionsergebnis optimal an die Lebensbedingungen auf diesem Planeten in Gemeinschaft mit den anderen Naturreichen angepasst und hat eine ausreichende Komplexitat entwickelt, sich in dieser Umwelt selbst zu erhalten. Eine Herausforderung an die Selbsterhaltung stellt die rasche Veranderung dieser Lebensbedingungen durch den Menschen selbst dar.
  2. Die Prozesse der Selbsterhaltung, Selbstforderung und Anpassung stellen einen Selbstregulationsmechanismus (siehe auch: Autopoiese) des Systems dar, der eine eigene Steuerungsebene besitzt. Die Steuerung der Selbstregulation des Korpers findet ihren Ausdruck im Blutkreislauf, dem Stoffwechselsystem und im hormonellen System, ist aber selbst auf einer energetischen Ebene angesiedelt und besteht aus einem komplizierten Netzwerk von Energiebahnen, -punkten und -wirbeln.
  3. Eine Erkrankung des Korpers manifestiert sich als erstes als Storung auf der energetischen, der Steuerungsebene und als Folge auf der physischen Ebene.
  4. Heilung wird initiiert, indem keine Substanz, sondern eine Information in das System eingebracht wird, die den Selbstregulationsmechanismus aktiviert und starkt, indem sie eine Vorlage fur das fehlerfreie Funktionieren enthalt und/ oder eine Fehlinformation uberschreibt oder loscht.
  5. Andere Massnahmen auf der Ebene der korperlichen Prozesse wirken erganzend und unterstutzend oder aber hinderlich.
  6. Nach dem Axion 'wie unten so oben, wie innen so aussen' sind die notwendigen Informationen uberall in der Natur verfugbar und konnen nach ihren Signaturen im Informationstrager erkannt werden.
  7. Als Informationstrager kommen in bestimmter Weise aufbereitete Praperate aus dem Mineral-, Pflanzen- oder Tierreich, oder andere Schwingungsmedien in Frage wie z.B. elektische Impulse, magnetische Felder, Farben, Klange usw.

Eine Reihe der Therapien aus dem Bereich der Alternativmedizin basieren auf diesem Krankheits- bzw. Gesundheitsverstandnis. Dazu gehoren z.B. die beiden altesten und am besten ausgearbeiteten Heilweisen der Alternativmedizin, die chinesische Akupunktur und die europaische Homoopathie. Auch andere, neuere Therapieansatze folgen diesen Grundannahmen, wenn sie auch oft vermischt mit denen des medizinischen Weltbildes auftreten.

Kritik des Modells der systemischen Selbstregulation:

  • Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis der angenommenen energetischen und feinstofflichen Bereiche des menschlichen Organismus und seiner Steuerungsfunktion fur die korperlichen Prozesse.
  • Die Wirksamheit der auf diesem Modell beruhenden Heilmethoden sind wissenschaftlich nicht erforscht und konnen solange nicht als existent anerkannt werden. Heilungseffekte beruhen weitgehend auf einem Placeboeffekt.
  • Bis auf einige Teilaspekte der Therapiesysteme, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde, sind die Methoden als pseudowissenschaftlich einzustufen.

Das teleologische Modell von Erkrankung

Die Teleologie ist die Lehre von der Absicht, dem Ziel und Zweck einer Handlung. Im Zusammenhang mit den Erklarungsmodellen von Krankheit bedeutet ein teleologischer Erklarungsansatz einen Krankheitsbegriff, der auf den Sinn der jeweiligen Erkrankung zielt. Krankheit in diesem Modell wird verstanden als eine Krise (Katharsis), eine Erfahrungs- und Erkenntnismoglichkeit zum Zwecke der Weiterentwicklung der Personlichkeit.

Unterstellt wird dabei ein Evolutionsprinzip, das in der Regel in Richtung einer selbst bestimmten, autonom handlungsfahigen Personlichkeit wirkt, die moralische und ethische Grundnormen in ihrem Leben als Selbstausdruck verwirklicht. Krankheit tritt in diesem Verstandnis auf, wenn ein Entwicklungsschritt in diesem Sinne nicht erkannt wird. Es muss also gefragt werden: was bedeutet mir diese Krankheit zu diesem Zeitpunkt und welche Lernaufgabe enthalt sie im Rahmen meiner personlichen Entwicklung?

Eine Kehrseite dieses Krankheitsverstandnisses stellt die Vorstellung von der karmischen Verursachung einer Erkrankung dar, die als Folge von Verhalten auftritt, dass gegen das Evolutionsprinzip verstosst. Diese Variante kann in ihrer extremen dogmatische Auspragung als moderne Version der mittelalterlichen Vorstellung von Krankheit als 'Bestrafung' fur schlechte Taten und Gedanken gesehen werden, enthalt aber in der komplexeren Ausgestaltung eher Elemente ostlicher Religionen, die das karmische Prinzip mit einer Sinnkonstruktion verbinden: Karma als Erfahrung generierendes Gesetz fur noch nicht erwachte Seelen.

Heilung wird in diesem Modell primar als Erkenntnisprozess verstanden, in dem die unangemessenes Verhalten verursachenden seelischen Behinderungen, psychischen Einschrankungen und negativen mentalen Muster erkannt und uberwunden werden. Therapeutische Massnahmen konnen hochstens unterstutzend eingesetzt werden, eine Symptombehandlung verbietet sich aus dieser Sicht vollkommen.

Das teleologische Krankheitsmodell liegt einigen streng esoterisch orientierten Lebensweisen zugrunde, wobei die Konsequenzen in Bezug auf Therapiemoglichkeiten mehr oder weniger eng interpretiert werden. Einige Aspekte dieses Erklarungsansatzes finden sich auch in Therapieansatzen der systemischen Krankheitssicht wieder und werden hier, wie das psychosomatische Erklarungsmodell in Bezug auf das medizinische Paradigma, erganzend herangezogen.

Kritik des teleologischen Krankheitsmodells:

  • Der unterstellte Zusammenhang sowohl einer karmischen/gottlichen Verursachung wie einer Zweckgebundenheit im Hinblick auf ein Evolutionsprinzip ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar und bleibt im Rahmen personlicher Glaubensvorstellungen.
  • Die Grundgedanken des Modells dienen einigen extrem denkenden religiosen Gruppierungen und Sekten zur Begrundung von gesundheitsgefahrdenden Verhaltensnormen fur ihre Mitglieder. Lebensnotwendige Eingriffe, Therapien und Praventivmassnahmen wie Impfungen werden abgelehnt (z.B. bei den Zeugen Jehovas, aber auch einigen anderen modernen Sekten).

Literatur

  • Goffman, Erving: Asylum. Penguin, 1961. deutsch: Asyle, Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1972
  • Parsons, Talcott: The social system. Free Press London 1951
  • Siegrist, Johannes: Medizinische Soziologie. Urban und Schwarzenberg 1995, ISBN 3-541-06385-8
  • Waller, Heiko: Sozialmedizin. 2.Auflage, Kohlhammer 1991 ISBN 3-17-010690-2

Kategorie:Medizin


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